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Hagen Rether beim Seesener Kulturforum

Es ist der Tag der Wahlen und Hagen Rether ist zu Gast beim Seesener Kulturforum. Der Kabarettist ist sofort aktuell: Es geht um „Freiheit. Sie haben keine Wahl! - Wir erst nächste Woche! - Ah, Macron gewinnt?“ Das ist kein langes Vorspiel, obwohl es bei Rether wieder einmal um „Liebe“ geht.

„Ertappen Sie sich auch, dass Sie froh sind, dass wir Merkel haben?“ Er meint die Kanzlerin als „moralische Referenzgröße“. Er sucht nach den verbliebenen christlichen Moralitäten in der Politik und landet beim Kauder-Welsch der CDU. „Wir müssen die christlichen Werte verteidigen! Nicht gegen, sondern für die Flüchtlinge. Wo bleibt das ethisch bestimmte Handeln in der Politik?“

Rether plaudert über Talkshows und talkt aus der bequemen Perspektive des abgewetzten Chefsessels, flexibel, beweglich, weich, vor dem Steinway-Flügel. Die Deko-Bananen kommen erst später dran. Seine Mission ist deutlich, er redet Tacheles, ungeschminkt, vegan, grün und christlich. Er brandmarkt den „Waffenverkauf mit Voltaire und Kant im Jackett“. Waffen und Aufklärung, das Treffen der letzten Kolonialherren 2007 in Heiligendamm … Trump („mit der ganzen Familie auf der Bühne! Und siehe da: die Geißens waren da!“), Erdogan, Kim Jong-un etc. „Ach, was reg´ich mich auf!“ „Haben Sie noch Winterreifen?“ Reminiszenzen an die Rether-Nächte von 2014 und 2011 beim Seesener Kulturforum. Probleme massenhaft. Abschaffung der Hauptschulen, „Wie geht das? Die Maus macht die Augen zu und die Katze ist weg!“

Rether fordert Aufklärung und Bildung in einer Zeit, da „Bildungsbürger“ ein Negativ-Begriff ist, da die Moral (auch bei Brecht!) hintansteht: „Erst kommt das Fressen...“ Rether berechnet die Kosten von Übergewicht und setzt dem die Kosten für die Flüchtlinge gegenüber. Polizeischutz für Flüchtlingsheime sei sinnvoller als der wöchentliche Geleitschutz für die Fußball-Chaoten des Bürgerkriegs in den Stadien.

Hagen Rether spricht reines Hochdeutsch, wenn er die Ideologie des Otto-Normalen (des nicht arte-Zuschauers) mit Beispielen belegt, dringt sprachlich Kohlenpott durch.
„Du kannst Terrorismus nicht, du kannst Ideen nicht bombardieren!“ Die Waffen dagegen sind Bildung und Demokratie und Abbau von Angst. Der Umgang mit und die Ängste vor den Linken werden Thema, fast durchgängig wie das Thema „Veganismus“: „Wenn´s kein Fleisch mehr gibt, dann fress ich halt die Veganer.“

Sind es die Standhaften, die heute gekommen sind? Das Rether-Publikum weiß vorher, dass ein Marathon-Abend bevorsteht. Auf unbequemen Aula-Stühlen mag man das aktuell beklagen, aber: Rether hat so unendlich viel zu sagen! Statistiken zu allen Kollateralschäden der Wirtschaft öffnen die Augen oder helfen ungedachte Querverbindungen plausibel zu machen. Was sind Winzer anderes als Drogenbarone? Die Lebensmittelproduktion ist „Frankenstein-Landwirtschaft“. Konservativisten und Altherren-Alphatiere werden eingenordet: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche!“ Verzicht auf Fleisch zur Rettung der Welt, die Fleischer müssten umgelernt werden... „Nach welchen Maßstäben verteilen wir unsere Ethik?“

Bei aller Liebe: Es war ein herrlicher Abend beim Seesener Kulturforum und eine lange Nacht, die auf jeden Fall in Erinnerung bleibt, so auch der abschließende musikalische Part am Steinway-Flügel: Jazzig bei „Sah ein Knab ein Röslein stehen“, übergangslos zu „Johann Sebaldrian Bach“ und Beethovens „Freude schöner Götterfunken“, begleitet durch gedankliche Einwürfe zu 600 Jahren Kolonialismus. „Somewhere Over The Rainbow“ ist dann romantischer Traum, auch das „Wir schaffen Das! - Schaffen wir es, unsere Menschlichkeit zu bewahren?“

Joachim Frassl

Nachricht vom 8.5.17 15:58

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